Regionalliteratur


Regionalliteratur
Regional|literatur,
 
Bezeichnung für eine v. a. in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Staaten Europas und Lateinamerikas sowie in den USA sich ausprägende Strömung der Literatur, die das Schwergewicht auf die besonderen Merkmale bestimmter Landschaften und ihrer Bewohner legt und zur Wahrung kultureller Eigenheiten beitragen will. Wenn auch die Grenze zur Heimatliteratur und Mundartdichtung nicht immer scharf zu ziehen ist, so ist die Regionalliteratur oft stärker politisch motiviert und tritt historisch v. a. in Opposition zu staatlichem Zentralismus auf. In der Gegenwart hat die Regionalliteratur als Gegengewicht zu internationalen Angleichungen für das Bewusstsein einer unverwechselbaren Identität eine wesentliche Funktion.
 
In den meisten großen europäischen Nationalstaaten entwickelten sich Regionalliteraturen mit der Ablösung des monarchistischen Ständestaates durch die bürgerliche Ordnung. Etwa gleichzeitig erwuchs aus dem Weltgefühl und dem ästhetischen Programm der Romantik das Interesse an landschaftlichen und kulturellen Besonderheiten. Deshalb kann der Begriff auch bezogen werden auf alle Werke, die durch ihre beispielhafte Gestaltung von Menschen, ihrer Sitten und der Natur einer Region diese erst über nationale Grenzen hinaus bekannt gemacht und das Bild dieser Region nach außen nachhaltig mitbestimmt haben. Dies trifft z. B. zu auf den »Don Quijote« des M. de Cervantes Saavedra und die Landschaft La Mancha, auf »I promessi sposi« von A. Manzoni und die Lombardei, auf die Romane T. Fontanes und die Mark Brandenburg. So ist Regionalliteratur nicht in jedem Fall identisch mit »provinzieller« Literatur, die nur auf ein lokal begrenztes Interesse stößt.
 
In Italien, wo regionalistische Gegenbewegungen nach der Vereinigung 1870 einsetzten, ist die Regionalliteratur auch von der dialektalen Gliederung der Regionen geprägt, die stets mit politischen und historischen Besonderheiten korreliert. Typ. Beispiele finden sich v. a. in der Literatur, die mit dem Mezzogiorno verbunden ist, so bei G. Verga, F. De Roberto, G. Tomasi di Lampedusa, L. Sciascia und Saverino Strati (* 1924).
 
In Frankreich begannen die antizentralistischen Bestrebungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach einer erneuerten kulturellen Identität strebte man zuerst in der Provence; hier wurde auch der Versuch gemacht, die regionale Sprache wiederzubeleben (Félibres, provenzalische Literatur). Aber auch in den Werken Französisch schreibender Autoren ist die Faszination, die von der Provence ausgeht, allgegenwärtig (A. Daudet, M. Pagnol, J. Giono, H. Bosco). Bei H. Quéffelec (* 1910, ✝ 1992) spiegelt sich die bretonische Heimat des Autors, A. Chamson ist der Dichter der Cevennen. Die französischsprachige Literatur der Schweiz trägt ebenfalls Merkmale der Regionalliteratur, indem sie sich bewusst von den Strömungen der Literatur Frankreichs absetzt, musterhaft im Werk von C. F. Ramuz.
 
Für die deutschsprachige Literatur ist die Bestimmung einer Regionalliteratur schwieriger. Die Literatur der verschiedenen deutschsprachigen Staaten in ihrer Bindung an das jeweilige geographische, historische und soziale Milieu trägt durchaus regionale Züge (deutlich u. a. bei A. Stifter, G. Keller, P. Rosegger, L. Thoma, vielfach auch in der DDR-Literatur). Beispiele für eine enger verstandene Regionalliteratur im deutschen Sprachraum bieten die niederdeutsche Literatur, die siebenbürgisch-sächsische Literatur (rumäniendeutsche Literatur), einige Werke aus dem Prager Kreis, aus der Nylandgruppe sowie das Werk des Südtiroler Autors N. Kaser.
 
Eine herausragende Rolle spielt die Regionalliteratur in Spanien. Ausgehend vom Costumbrismo der Romantik und des Realismus, entwickelte sie sich v. a. im Roman, später auch in der Lyrik und im Theater (hier besonders im Género chico). Durch die Generation von 98 wurde die karge Landschaft Kastiliens thematisiert und je nach Position des Autors als »Inkarnation des spanischen Wesens« gefeiert oder verworfen. Von hier führte der Weg zur Verherrlichung Kastiliens in der Literatur des Franco-Regimes. - Neben dieser kastilischsprachigen Literatur entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Katalonien, Galicien und im Baskenland eine Regionalliteratur in der jeweiligen Regionalsprache, die zum Vehikel eines auch politischen Regionalismus wurde (katalanische Sprache und Literatur, galicische Sprache und Literatur, baskische Sprache und Literatur). Diese nichtkastilischen Literaturen erleben seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, v. a. aber seit dem Ende des Franco-Regimes, eine neue Blüte. Sie besinnen sich auf eigene Traditionen und verlieren zunehmend ihre Provinzialität: So wurde der Galicier Á. Cunqueiro weit über die Grenzen Spaniens bekannt, auch der Baske Bernardo Atxaga (* 1951) und die Katalanin Mercè Rodoreda.
 
In Großbritannien griffen Romanschriftsteller auf Eigenheiten einzelner Regionen zurück, so z. B. T. Hardy (»Wessex«, das ist Dorset und Wiltshire), A. Bennett (Staffordshire), J. C. Powys (Glastonbury) und T. F. Powys (Dorset), Mary Webb (Shropshire), R. L. Stevenson sowie die Autoren der »Kailyard school« (Schottland), Arthur Quiller-Couch (* 1863, ✝ 1944; Cornwall), R. Llewellyn (Wales).
 
In den USA entwickelte sich die Local-Color-Literatur. In den 1920er-Jahren forderte die Dichtergruppe der Fugitives eine Rückbesinnung auf Traditionen und Werte des agrarischen Südens.
 
In Lateinamerika entstand der literarische Regionalismus mit der politischen Unabhängigkeit und der daraus folgenden Identitätsproblematik. Er führte von der romantisierenden Manier des Indianismus (u. a. J. M. de Alencar, Clorinda Matto de Turner, * 1854, ✝ 1909) zum realistisch-sozialkritischen Indigenismus.

Universal-Lexikon. 2012.

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